Ludwig Wappner von Allmann Sattler Wappner Architekten im Gespräch mit Rolf Mauer von Architekturzeitung.com

London, Paris, Wien, Berlin, München: Europas Metropolen ziehen an. Immer mehr Menschen drängt es in die Städte. Im europäischen Ausland reagiert man darauf seit Jahren mit Bauten in die Vertikale. In Deutschland tut man sich noch immer schwer damit.

Zu stark ist das Bild von gesichtslosen Wohnblöcken der 1970er Jahre verhaftet. Dass es eine Abkehr von diesen Beschränkungen in Politik und Bevölkerung geben muss – und geben wird – davon ist Ludwig Wappner überzeugt. Wappner ist Inhaber und Gründungspartner von Allmann, Sattler, Wappner Architekten in München und ehemaliges langjähriges Mitglied der Münchner Stadtgestaltungskommission.

Rolf Mauer: Herr Wappner, München wird oft als Weltstadt bezeichnet. Architektonisch betrachtet, ist davon aber wenig zu sehen. Zumindest in Sachen Neubauten. Sie waren Mitglied der Stadtgestaltungskommission. Wie kommt es, dass viele neue Geschäfts- und Wohngebäude in München oftmals belanglos und austauschbar sind?

Ludwig Wappner: Ich war sechs Jahre lang bis Dezember 2015 Mitglied der Stadtgestaltungskommission. In dieser Zeit gab es einen dynamischen Anstieg von Baumaßnahmen, besonders im freifinanzierten Wohnbau. Zugleich hat der finanzielle Druck auf den lukrativen Münchner Markt zugenommen. Der extreme Anstieg der Bodenpreise in München führt zu Einsparungen bei der Gestaltung der Neubauten. Für renditeorientierte Immobilienunternehmen liegt der Fokus ja nicht in erster Linie auf schöner Architektur, sondern in der Regel zunächst auf dem wirtschaftlichen Erfolg. Hinzu kommt, dass wir als Architekten früher mehr Spielraum hatten. Es gab meist ein fixiertes Gesamtbudget, das flexibel im Laufe der Planung verwendet werden konnte. Kosten, die an einer Stelle eingespart wurden, konnten verschoben werden. So war es uns beispielsweise möglich, eine Fassade angemessener und nachhaltiger für das Bauvorhaben zu gestalten, um unserem Gestaltungsanspruch gerecht zu werden und diese Kosten dann an anderer Stelle geschickt einzusparen. Diese Flexibilität gibt es heute eigentlich so nicht mehr. Was heute bei den Vergaben eingespart wird, bleibt eingespart. Trotzdem: Es ist und bleibt auch in Zukunft unsere Aufgabe als Architekten selbst bei limitiertem Budget das Beste aus einem Projekt herauszuholen.

Die vielen neuen Stadtquartiere bilden in der sichtbaren Umsetzung eine Planungsqualität ab, die unbedingt neu gedacht werden muss. Die aktuellen Stadtquartierplanungen erwachsen aus Wettbewerben und Gutachten. Die darauf basierenden Bebauungspläne brauchen unbedingt neue Impulse und Spielregeln, da wir sonst in einer Gleichförmigkeit neuer Quartiere enden, die derzeit in vielen Medien offen angeprangert wird – und dies nicht zu Unrecht. Aber dieses Problem gibt es nicht nur in München, sondern von Flensburg bis Oberammergau.

Rolf Mauer: In München dürfen innerhalb des mittleren Rings Gebäude nur bis zu einer Höhe von 100 Metern gebaut werden: Empfinden Sie die strengen Höhenregularien als Einschränkung?

Ludwig Wappner: Das empfinde ich zunächst überhaupt nicht als Einschränkung, sondern als eine gesellschaftliche Artikulation einer bestimmten Zeit und Sichtweise zu diesem Thema. Jede Stadt hat in dieser heiklen Frage aktuell und auch früher schon ihre eigenen Ansichten und Antworten was hohe Häuser, die maximale Bauhöhe und andere baulich relevante Dinge betrifft. Es ist unsere Aufgabe als Architekten, im Rahmen dieser Möglichkeiten stets gute Architektur zu schaffen, aber natürlich auch solche Festlegungen von Zeit zu Zeit zu hinterfragen, wie dies gerade offen in den Medien in München wieder einmal geschieht.

Rolf Mauer: Ist München eine Stadt, die sich für Architektur interessiert?

Ludwig Wappner: Auf jeden Fall ist München eine Stadt, die sich für Architektur interessiert, keine Frage! Neue Ideen und Projekte werden derzeit intensiv auf breiter Ebene diskutiert. Man versucht zunehmend auch die Bürger von Beginn an in die Prozesse zu integrieren und hat damit schon erste Erfolge erzielt. Wobei man immer auch eine starke Haltung und Position als Stadt beibehalten muss, um nicht immer den größten gemeinsamen Kompromiss umsetzen zu müssen. München lebt von seinen besonderen städtebaulichen Entscheidungen, gleich ob zu Klenze´s, Fischer`s oder Behnisch`s Zeiten.

Das Kreativquartier an der Dachauer Straße in München ist aktuell ein gutes Bespiel. Hier entsteht ein ganz neues Stadtviertel teilweise im Bestand, das Kunst, Kultur und Wohnen vereint. Bei dem gemeinsamen Projekt von Kulturreferat und dem Referat für Stadtplanung und Bauordnung wurden vorab potenzielle Nutzer eingeladen, sich aktiv an der Planung zu beteiligen. Diese Ebene der Diskussion ist neu.

Ein anderes jüngeres Beispiel für München ist die »Kooperative Großstadt«. Hier haben sich junge Architekten, Juristen, Bürger und Kulturschaffende in einer Genossenschaft zusammengeschlossen, um ihre nicht kommerziellen Ideen im Münchner Wohnungs- und Städtebau zu diskutieren und sich gleichzeitig für Grundstücke zu bewerben, die von der Stadt speziell für Genossenschaften ausgeschrieben werden. Beim ersten offenen Symposium im Januar dieses Jahres präsentierten Architekten, Künstler, Politiker und Journalisten ihre Thesen für einen besseren Wohnungs- und Städtebau in München. Gerade solche Initiativen zeigen, dass das Interesse an der Gestaltung unserer Stadt und damit auch an unserem persönlichen Wohnraum extrem groß ist. Dies gilt es, sichtbar zu unterstützen und zu fördern.

Rolf Mauer: Die beiden Tower des Münchner Wohnbauprojekts FRIENDS hätten durchaus 50 Meter mehr Höhe vertragen. Wäre das städtebaulich möglich, hätten Sie weiter in die Höhe bauen wollen?

Ludwig Wappner: Zunächst ist unser Projekt, finde ich, das wir zusammen mit dem Projektentwickler LBBW Immobilien und vielen anderen Beteiligten realisieren, ein extrem spannendes Projekt auf allen Ebenen. Städtebaulich in exponierter Lage, gestalterisch mit einer besonderen Aussage in der räumlichen und plastischen Erscheinung, höchst interessant im speziellen Marketing und nicht zuletzt wohl auch wirtschaftlich im absoluten Gleichklang mit den Gesamtzielen des Projekts.

Da stellt sich zunächst eigentlich nicht die Frage nach mehr Höhe, da insbesondere auch die beiden gemeinsamen Roof Gardens auf den Türmen in der jetzigen Höhe von knapp über 50 Metern auch wirklich nutzbare Freiflächen sind. Bei größerer Höhe wird das durchaus schwieriger. Natürlich kann man bei genauerer städtebaulicher Betrachtung der beiden Hochpunkte und der Gesamtsituation entlang der Bahnachse sagen, dass man diese Bauwerke durchaus höher hätte denken und bauen können, ohne dem Stadtbild Münchens einen Schaden zuzufügen. So war das ja auch ursprünglich einmal im Wettbewerb zu Beginn der Planungen entlang der Bahn und speziell am Hirschgarten gedacht. Es kam anders aus vielerlei Gründen und wir haben das Beste daraus gemacht. Nachtrauern bringt nichts, man muss sich an dem erfreuen und motivieren, was man möglich machen konnte.

Rolf Mauer: Uns fällt auf, dass in den Wohnungsgrundrissen die Kinderzimmer fehlen. An welche Käuferschicht wenden sich die Bauherren?

Ludwig Wappner: Diese Frage klingt zunächst etwas wirklichkeitsfremd und ist mir so auch noch gar nicht aufgefallen. Muss man in Räume tatsächlich hineinschreiben, wer darin sein privates Reich entfalten könnte? Ich finde, alle Räume sollten zunächst gleichermaßen Grundbedürfnisse des aktuellen Wohnens abdecken, ohne explizit vorzuschreiben, wer diesen oder jenen Raum als sein Zimmer in Beschlag nimmt. Unsere Grundrisse sind hoch flexibel und geeignet für alle möglichen Kombinationen des Wohnens unserer Zeit. Die FRIENDS-Tower am Hirschgarten sind auch für Familien bestens geeignet.

Rolf Mauer: Wie ist das Konzept der gefalteten Fassade entstanden?

Ludwig Wappner: Zunächst waren die beiden Türme als Bürohochhäuser gedacht. Im gewünschten Nutzungswandel von Gewerbe zu Wohnen wurde in der Vorentwurfsplanung mit dem neuen Projektentwickler LBBW Immobilien auch die Frage von Balkonen, Loggien oder Erkern diskutiert. Letztendlich haben wir aus der im Baurecht verankerten Möglichkeit von »untergeordneten vorspringenden Bauteilen« das heute sichtbare und besondere Fassadenkonzept entwickelt. Nutzerwunsch, Baurecht und planerische Kreativität waren der Mix, aus dem das finale und individuelle Fassadenkleid entwickelt wurde. Die Fassadengestaltung folgt dabei grundsätzlich typologisch Hochhausvorbildern mit raumhohen Fenstern, wie wir sie schon lange beispielsweise aus Tokio oder New York kennen. Die horizontale und vertikale Faltung in Erkerform verschafft unseren Gebäuden eine eigene Identität, Dynamik und zusätzliche Attraktivität. Durch die reliefartige Hülle unterscheiden sich die beiden Wohntürme von den eher üblichen Fassaden der Hochpunkte in der Umgebung und haben ein Alleinstellungsmerkmal integriert, das zugleich im städtebaulichen Kontext steht. Für die Bewohner ergeben sich durch die erkerartigen Fassadenaustritte spektakuläre Aussichten mit einem 180 Grad-Rundumblick und tolle weite Sichtbezüge.

Rolf Mauer: Was wird durch diese Faltung erreicht?

Ludwig Wappner: Wie gesagt, die durch die Faltung entstehenden Logen verschaffen den Gebäuden eine eigene Identität. Man kann in den Wohnungen einen großen Schritt vor die Fassade machen und ein einzigartiges 180 Grad-Panorama genießen – ohne Einblick in die Nachbarwohnung zu haben. Zudem wirken die Wohnungen im Inneren durch den raumhohen Austritt deutlich großzügiger. Dies wird insbesondere bei den kleineren Einheiten spürbar.

Rolf Mauer: Im Inneren setzt der Projektentwickler LBBW Immobilien ein neues Wohnkonzept um, das auf die Sharing-Bewegung setzt. Bestimmte Flächen werden geteilt, nicht ständig Gebrauchtes wird in Storages ausgelagert, Wohnbereiche mit Haustechnik werden in einem sogenannten Cube angeordnet. So soll mehr Raum in den Wohnungen entstehen. Bitte erklären Sie uns den Gedanken, der dahinter steckt.

Ludwig Wappner: Ich denke, wenn man die Grundrisse lesen kann und auch aufmerksam bei den Erläuterungen zum Projekt zuhört, fügen sich die Konzeptgedanken aller Beteiligten zwangsläufig nahtlos ineinander. Durch die gezielte Auslagerung von eher selten genutzten Gegenständen wird mehr Platz in den Wohnungen geschaffen. In den für jede Wohneinheit vorgesehenen Storages in den Untergeschossen der Wohntürme können die Bewohner die Dinge des nicht alltäglichen Bedarfs kultiviert einlagern. Das gemeinschaftliche Raumkonzept umfasst außerdem eine für alle Bewohner nutzbare Dachterrasse auf jedem Turm und eine von allen buchbare voll ausgestattete Kitchenlounge im Eingangsbereich.

Mit dem Cube als zentrale Funktionseinheit in den Wohnungen lässt sich der verfügbare Raum so effizient wie möglich nutzen. Bad, Küche und Hauswirtschaftsraum finden auf nur wenigen Quadratmetern Platz und sparen somit auch Kosten für notwendige Nebenflächen und deren oftmals aufwändige Erschließung. Unser Wohnraumkonzept ist auch eine Antwort auf die viel diskutierte steigende Quadratmetermehrung pro Kopf bei den Wohnflächen in Deutschland und die daraus resultierende kritische Flächenmehrung für individuellen Wohnraum in den Städten.

Rolf Mauer: Mit dem Objekt möchte man auch der für Großstädte typischen Anonymität der Bewohner entgegentreten. Wie lässt sich Anonymität vermeiden? Sind Großstädte eigentlich wirklich anonymer in Ihren Augen? Und vor allem: Wollen die Menschen nicht auch anonym leben?

Ludwig Wappner: Das ist eine sehr gesellschaftspolitische und soziologische Frage mit der sich jeder von uns bedingt durch seine eigene Wohnumgebung täglich konfrontiert sieht. Gute Nachbarschaften unterliegen in Städten individuellen Entscheidungen der Bewohner, des Milieus und natürlich auch der baulichen Gegebenheiten. Man sollte als Stadtplaner und Objektarchitekt immer auf alle diese wichtigen Komponenten schauen und Wert darauf legen, eine entwicklungsfähige und zukunftstaugliche Architektur als Lebensplattform anzubieten. Wie sich dann alles entwickelt, kann man sowieso erst nach einigen Jahren bewerten. Denn alles Neue braucht auch seine Zeit, um eingelebt zu werden. Ich denke, niemand in einer Stadt will bewusst anonym leben. Vielmehr will man sich die Freiheit erhalten, so zu leben, wie man es in einer speziellen Lebenslage für angebracht hält. Dazu gehört aber auch ein gehöriges Maß an zivilisierter Kollektivität, ohne die keine gesunde und lebenswerte demokratische Stadtgesellschaft existieren kann.

Rolf Mauer: Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Wie wird sich der Wohnungsbau in den kommenden Jahren in München wie auch in anderen Metropolen verändern?

Ludwig Wappner: Wenn ich das wüsste, könnte ich ab heute nur noch schlaue Vorträge darüber halten. Diese für die ganze Stadtgesellschaft drängende und wichtige Frage beschäftigt natürlich kontinuierlich viele kompetente Menschen in der Stadt. Es ist eine belegte Tatsache, dass immer mehr Menschen in den Städten und speziell in München leben wollen. Dabei sollte aber auch in einem Flächenland wie Bayern dem Leben in Regionen wieder mehr Beachtung zugedacht werden. In München ist bekanntlich Grund und Boden extrem knapp und teuer. Das ist mithin das größte Problem bei den ganzen Fragen nach Schaffung von neuem Wohnraum in welcher Form auch immer. In die Höhe zu bauen, ist daher nur ein Weg, die wachsende Stadtbevölkerung angemessen mit Wohnraum zu versorgen. Eine notwendige und maßvolle Verdichtung in der Höhe wird aber mit Sicherheit eine der Fragestellungen der stadtplanerischen Zukunft Münchens sein.

Rolf Mauer: Herr Wappner, vielen Dank für das Gespräch.

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Quelle: architekturzeitung.com

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