Der Freund der Glühbirne
Süddeutsche Zeitung, 17.08.2010

Lightdesigner Ben Wirth weiß, wie wichtig die richtige Beleuchtung fürs Wohlbefinden ist.

München – Als die EU beschloss, die Glühbirne zu verbieten, war das zunächst eine „Katastrophe“ für Ben Wirth. Aber eine Katastrophe, die er hatte kommen sehen.„Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Birne wegen besserer Alternativen das Feld räumen würde“, sagt Wirth. Ihr „tolles Licht und die Atmosphäre“ vermisst er trotzdem, „das ist nicht durch Energiesparlampen ersetzbar“.Die besseren Alternativen müssen erst entwickelt werden – und Wirth trägt als Lichtdesigner seinen Teil dazu bei. Denn die Katastrophe wandelte sich für ihn schnell zur Chance. Auch wenn  er einige seiner Entwürfe, die ganz auf die alte Glühbirne setzten, komplett überarbeiten musste – durch die neue EU-Verordnung wurde plötzlich überall über Licht diskutiert, darüber, wie wichtig die richtige Beleuchtung fürs Wohlfühlen in den eigenen vier Wänden ist. Was besseres kann einem Lichtdesigner eigentlich gar nicht passieren. Aufmerksamkeit bekam vor allem seine „Incredible Bulb“, seine Hommage an das aussterbende Leuchtmittel: eine Glasbirne mit Keramikfassung, in der statt des energiefressenden Glühfadens eine Halogenlampe brennt. 238 Euro kostet ein Exemplar, das auch über dem Küchentisch seines Erfinders in dessen Neuhausener Wohnung hängt. Der 1965 geborene Münchner Wirth machte erst eine Lehre als Schreiner, studierte dann Innenarchitektur an der Akademie der Bildenden Künste und dann Architektur an der Hochschule der Künste in Berlin. Licht und Lampen waren schon immer ein Thema für ihn, sein Vater arbeitete als Kameramann und der Sohn war oft bei Dreharbeiten dabei.„Da war Licht natürlich sehr wichtig“, erinnert sich Wirth, „außerdem hatten wir ein paar tolle Lampen daheim.“ In seinem Kinderzimmer leuchtete ein Modell des italienischen Designers Achille Castiglioni. Seine erste Lampe entwarf Ben Wirth, als er noch in seiner Schreinerlehre steckte.„Ich war in Rom und habe nachts über die Stadt geblickt. Diese ganzen Lichtpunkte, die ich da gesehen habe – die habe ich versucht, in eine Lampe zu fassen.“Die meisten seiner frühen Modelle, die oft aus Fundstücken vom Flohmarktbestanden, habe er allerdings wieder „eingestampft“. Erst seit 2005 widmet sich Wirth ausschließlich dem Licht, und dass ihm das am meisten liegt, wurde ihm klar, als er im Architekturbüro arbeitete und es als „totalen Frust“ empfand. Wenn Wirth, ein großer, schlanker Mann mit etwas extravaganten silbernen Stiefeletten und der obligatorischen schwarzen Designerbrille, seine Lampen erklärt, wirft er mit technischen Details um sich und vergisst auch nicht zu erwähnen, welche Auszeichnungen er mit seinen Entwürfen bereits gewonnen hat, aktuell ist er mit seinem Lichtsystem „Cluster+“für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland nominiert – und merklich stolz darauf. Er hat mittlerweile mit „benwirth licht“ ein Unternehmen gegründet, seine Frau Mirjam kümmert sich um den Vertrieb, macht die Pressearbeit und denkt sich auch Produktnamen wie eben „Incredible Bulb“ aus. Für die Technik hat Wirth einen jungen Studenteneingestellt, Kilian Hüttenhofer –denn mit dem Sterben der Glühbirne kam auch die Herausforderung, neue Leuchtmittel und Technologien zu nutzen. Die Zukunft liegt für Wirth klar in der LED, der Leuchtdiode, und ihrer Weiterentwicklung OLED, der organischen Leuchtdiode, eine dünne Folie, die mit weichem Licht strahlen kann. Manchmal entdeckt Wirth durch Zufall etwas, das ihn als Material fasziniert und woraus sich die Idee zu einer Leuchte entwickelt. Bei der Tischlampe „FirstAid“ etwa verarbeitete er ein Stück goldglänzende Rettungsfolie aus dem Erste-Hilfe-Kasten. Preis: auf Anfrage. Wirths Designerleuchten schmücken meist eher exklusivere Häuser und Wohnungen, viele sind Sonderanfertigungen, die direkt auf den Raum abgestimmt werden. Komplette Lichtkonzepte hat er für Villen in Starnberg, München und Mallorca entworfen, aktuell hat er eine Musterwohnung eines Neubaus in der Lilienstraße10 beleuchtet. Bei einem Quadratmeterpreis von 7600 Euro werden sich die Käufer der 7,5 Zimmer-Wohnungen sicher nicht mit einer Leuchtstoffröhre an der Decke begnügen. Wirth hat hier die Ecken mit Lichtleisten betont, über der Treppe des zweigeschossigen Apartments hängt, wie ein riesiges Mobile, sein System „*Track“ (sprich: Startrek), das aus etwa kirschgroßen Leuchtkugeln besteht, die wie bunt leuchtende Planeten an dünnen Fäden im Raum schweben. Bei ihm zu Hause hingegen sei es eher „schlecht beleuchtet“, meint Wirth, „jedenfalls nicht so super durchgestylt, wie man vielleicht erwarten könnte“. Er mag es, wenn es in der Wohnung verschiedene Zonen und Stimmungen gibt, „also bloß keine Lichtsuppe. Mit ein bisschen Herumprobieren kann jeder seine optimale Beleuchtung finden“, sagt er. Dazu gehört – neue Technik hin oder her – für ihn aber auch immer noch die alte Glühbirne. Die hat er gehortet, 30 bis40 Stück von verschiedenen Sorten. „Das wird ewig reichen“, meint Wirth. Oder zumindest solange, bis ihm was Besseres dafür eingefallen ist.

Judith Liere