München boomt – wie wird die Stadt die Herausforderungen meistern?

Im ersten Teil unseres Beitrags berichteten wir darüber, dass sich München in den kommenden Jahren einigen Herausforderungen stellen muss, um in puncto Wohn- und Lebensqualität im Wettbewerb der Städte mithalten zu können. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Bewältigung des Spagats zwischen Tradition und Trend, zwischen Individualität und Masse. Lesen Sie hier den gesamten Beitrag.

„München boomt“ – eine Schlagzeile, die man seit Jahren lesen kann. Die zahlreich angesiedelten Wirtschaftszweige, der Arbeitsmarkt und der Freizeitsektor florieren. Über den Immobilienmarkt müsste man an dieser Stelle eigentlich kein Wort mehr verlieren. Nicht ganz, finden wir. Es lohnt, München, die Stadt im Spannungsfeld zwischen Tradition und Trend, genauer unter die Lupe zu nehmen.

Professionelle Studien verheißen München und damit seinem Wohnungsmarkt anhand fundierter Kennzahlen immer wieder eine rosige Zukunft. Doch reicht eine rein quantitative Betrachtung unserer Meinung nach nicht aus. Es geht auch um die weichen Faktoren wie die individuell gefühlte Aufenthaltsqualität in unserer Stadt.

„Wer sich in München nicht wohlfühlt, ist selbst schuld“, so ein selbstbewusster Münchner. Die bodenständige bayerische Tradition mit ihrer Tisch- und Bierkultur, der stolzen Tracht, dem Münchner Grant und der Besinnung auf das Bewährte machen das häufig so beneidete Münchner Lebensgefühl aus. Aber nur auf Tradition zu bauen, reicht nicht. Vielmehr muss der Blick über den Tellerrand erfolgen: Welche Trends kommen auf die Stadt zu? Und wie muss die Stadtplanung darauf reagieren? Welche Vorbilder gibt es?

Berlin wird derzeit als Hotspot für Investition und Inspiration bezeichnet. Die Stadt ist offen für internationale Trends und Strömungen, ohne dabei ihren Charakter zu verlieren. Konnektivität, Neo-Ökologie, Share-Bewegung und weitere Einflüsse haben dort bereits Einzug in die Gesellschaft gehalten und strahlen auf das öffentliche und private Leben ab. Mit deutlichen Auswirkungen auf die Stadt- und Verkehrsplanung. Den Spagat zwischen Tradition und Trend zu meistern, wird München in den kommenden Jahren vor Herausforderungen stellen. Münchens Entwickler, Bauträger, Planer und Träger öffentlicher Belange müssen die Inspiration durch aufkommende Trends zulassen und altbewährte Handlungsmuster überdenken.

Eine Schwarz-Weiß-Malerei kann in München aber nicht betrieben werden. Hier und da erkennt man bereits erste Vorstöße in neues Terrain: Baugemeinschaften beispielsweise werden immer mutiger und tragen über abwechslungsreiche Architektur und spannende Fassadengestaltung zur Bereicherung des Stadtraums bei. Share-Flächen wie gemeinsam genutzte Gäste-Apartments, eigene Leih-Mobilitätssysteme mit Rad und Pkw und gemeinsame Gartenprojekte werden sehr positiv aufgenommen.

Auch werden Themen wie der Rückbau von Individualparkflächen und die Anpassung der Stellplatzverordnung im Wohnungsneubau diskutiert. Ein Zeichen, dass das Bewusstsein für die knappe Ressource Fläche sensibilisiert ist. In Zeiten, wo junge Leute unter 20 Jahren nicht mehr so häufig wie einst den Führerschein absolvieren, so eine Angabe des Kraftfahrt-Bundesamtes, und das Mobilitätsverhalten des Einzelnen nicht mehr mit den Bewegungsmustern vor der digitalen Revolution und der Entdeckung des Car-Sharings übereinstimmt, ist es an der Zeit über die Konsequenzen für den öffentlichen Raum und den Wohnungsbau nachzudenken.

Zudem gibt es konkrete Bestrebungen einiger Bauträger, die individuell genutzte Wohnfläche bewusst kompakt und an die täglichen Bedürfnisse angepasst zu halten. Flächen, die nur selten zum Einsatz kommen oder 90 % des Jahres nur vorgehalten werden müssen, ohne davon zu profitieren, sind zukünftig nicht mehr Teil der Wohneigentums, sondern als Gemeinschaftsfläche bei Bedarf nutzbar. Ein smarter Schritt, die Share-Bewegung in den Wohnbereich zu übertragen.

Als deutliches Zeichen für eine unter Umständen trendgesteuerte Emanzipation der Münchner Wohnungssuchenden wird vermehrt der Ruf nach mehr Lebens- und Bauqualität in der Stadt laut. Das bedeutet nicht, dass noch mehr Luxus und Design innerhalb der eigenen vier Wände gefordert wird. Vielmehr geht es darum, mit der gegebenen knappen Fläche eine hohe intelligente Dichte zu erzeugen, die auf durchdachte Art Individualität, Gesellschaft und Aufenthaltsqualität vereint. Eng aneinander gebaute Häuserzeilen und -blöcke, die eine starke Verschattung in den Zwischenzonen hervorrufen und so keine einladenden öffentlichen Aufenthaltsbereiche schaffen, sind durchaus vorzufindende Beispiele der jüngeren Baugeschichte Münchens. Die Lösung kann hier nur sein, die horizontale Dichte nicht noch weiter zu verstärken, sondern an die vertikale Ausrichtung zu denken.

Fast visionär kommen einem im Zuge dessen die frühen Hochhausbauten der 60er- und 70er-Jahre vor: kompakt, urban, grün, zumindest was den Grundflächenbedarf dieser Projekte betraf. Nur mit dem Unterschied, dass bei Standortwahl und Konzeption nach heutigem Kenntnisstand Fehler gemacht wurden, aus denen man zwischenzeitlich gelernt hat. Das Wohnhochhaus steht derzeit vor einer Revolution. Diesem Trend kann sich keine der Top-Five-Städte in Deutschland verschließen, wie auch aus der aktuellen Presseberichterstattung hervorgeht. Wohntürme sind wieder in, schallt es uns aus Frankfurt, Hamburg und Berlin entgegen. Und München ist reif für diesen Trend.

Wir begrüßen es sehr, dass Architekten, Bauherren und städtische Gremien bereits in der Vergangenheit häufig die Köpfe zusammengesteckt haben und Ideen für die Bewältigung des Spagats zwischen Tradition und Trend, zwischen Individualität und Masse entwickelten. Jeder Schritt, der sich aus altbewährten Mustern in diese Richtung bewegt, ist wichtig für die Zukunft Münchens. Denn die Stadt braucht ein Gesicht. Je mehr Masse entsteht, umso konturärmer und austauschbarer wird sie.

Wir wünschen der Stadt, dass sie stets „die Nase im Wind hat“, um nicht nur bei Wohnungspreisen und Bevölkerungssalden die Nummer 1 in Deutschland zu sein, und dass sie langfristig eine der lebenswertesten, vielseitigsten, aber auch bodenständigsten Millionenstädte bleibt.


Bildcredit: © Fotograf Arnd_Drifte / photocase.de

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