200.000 Umzüge an einem Tag

Montreal: Zweitgrößte Stadt Kanadas, größte Stadt der Provinz Quebec, gelegen auf einer Insel und benannt nach dem Mont Royal, einem 233 Meter hohen Berg vulkanischen Ursprungs. Hier leben über 1,7 Millionen Menschen – und davon weit über die Hälfte zur Miete. Und weil fast alle Mietverträge auf ein Jahr befristet sind und zum 1. Juli auslaufen, heißt es für rund zehn Prozent der Bewohner an diesem Tag: Kisten schleppen!

Moving Day
Der „Jour du déménagement“ oder „Moving Day“ hat Tradition: Im 18. Jahrhundert verbot die französische Kolonialregierung den feudalistischen Grundbesitzern, Pächtern vor der Schneeschmelze zu kündigen – niemand sollte in der kalten Jahreszeit auf der Straße stehen. Als Datum für das Ende von Mietverträgen wurde der 30. April festgelegt. 1973 beschloss die Regierung von Quebec, den Moving Day in den Sommer zu verschieben. Der Grund? Kinder sollten während des laufenden Schuljahres nicht die Schule wechseln müssen.

Quebec im Ausnahmezustand
Den kanadischen Nationalfeiertag feiert in Quebec niemand: Laut Statistik ziehen am 01. Juli mehr als 700.000 Haushalte um, davon rund 200.000 in Montreal. Wer es sich leisten kann, heuert für den „Moving Day“ rechtzeitig ein Umzugsunternehmen an. Aufgrund horrender Preise und mangelnder Ressourcen bietet es sich allerdings an, möglichst viel selbst zu transportieren. Ob mit dem Auto, mit dem Fahrrad oder gar zu Fuß: Gigantische, selbstgebaute Waggons mit bis zu 250 Kilogramm festgezurrter Ladung, blockierte Gehsteige und versperrte Straßen bestimmen an diesem Tag das Stadtbild.

Wahnsinn und Wohnsinn
Schmale, gewundene Außentreppen, die zu Wohnungen im zweiten, dritten oder sogar vierten Stock führen, sind in vielen Stadtteilen üblich und erschweren den Umzug. Hinzu kommt, dass die Wohnungen in Montreal selten mit Küchengeräten und Kühlschränken ausgestattet sind. Schnäppchenjäger hingegen profitieren von den zahlreichen Garagenverkäufen in der Stadt. Für zurückbleibende Möbel und Kisten werden seitens der Stadt zusätzliche Müll- und Recycling-Pickups eingeplant.

Bewährte Tradition
Gesetzlich vorgeschrieben ist der „Moving Day“ heute nicht mehr – dafür eine gut gepflegte Tradition. Für die Vermieter ergibt sich die Gelegenheit auf jährliche Mieterhöhung. Die Mieter wiederum mögen die Veränderung und haben regelmäßig die Chance auf eine günstigere oder schönere Wohnung, oftmals in direkter Nachbarschaft. Und so bleibt der „Moving Day“ in Montreal trotz aller Unannehmlichkeiten wohl auch zukünftig der „bewegendste“ Tag des Jahres.

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Quellen

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