Nach dem Prinzip des Teilens und nicht des Nutzens wird in München ein zukunftsweisendes Wohnprojekt entstehen.

von Christiane Harriehausen

München, 31. Juli. In Sachen Baukultur gilt München bisher nicht gerade als visionär. Doch nun wird im Stadtquartier "Am Hirschgarten" auf dem stillgelegten Areal der Bahn zwischen Hauptbahnhof und Pasing ein Wohnungsbauprojekt entstehen, das bewusst neue gesellschaftliche Entwicklungen aufgreift und zum Wahrzeichen für das gesamte Quartier werden soll. Unter dem Namen "Friends" entstehen voraussichtlich bis zum Sommer 2016 zwei Wohntürme mit jeweils 130 Wohnungen zwischen 41 und 129 Quadratmeter. Dabei haben sich die Projektentwickler LBBW Immobilien, das Architekturbüro Allmann Sattler Wappner und der für die Vermarktung zuständige Partner Bauwerk Capital einiges einfallen lassen, um dem angespannten Münchener Wohnungsmarkt ein neues Angebotssegment hinzuzufügen: Wohnungen für Menschen, die sich nicht mehr mit Bücherwänden und vollgestopften Schränken belasten wollen und für die nicht Haben, sondern Nutzen im Vordergrund steht. Effizienz und Struktur sind daher, ebenso wie der Sharing-Gedanke, von zentraler Bedeutung. So können sich die zukünftigen Bewohner nicht nur die Dachterrasse teilen, sondern auch eine großzügige Kitchen Lounge, die nach Bedarf, zum Beispiel zur Bewirtung von Gästen, angemietet werden kann. Stauraum gibt es in den sogenannten Storage-Bereichen, wodurch diese Flächen in günstigere Untergeschosse ausgelagert werden konnten. Was nach einer am grünen Tisch konzipierten schönen neuen Wohnwelt mit vielen Anglizismen klingt, ist in Wahrheit ein spannender Versuch, im Wohnungsbau neue Wege zu beschreiten. "Wir wollen mit dem Projekt gesellschaftliche Entwicklungen vorwegnehmen", beschreibt Christoph Lemp, Geschäftsführer von Bauwerk Capital, das Ziel.

Auf den ersten Blick wirken die Modelle der 53 Meter hohen Wohntürme mit der gefalteten Glasfassade eher wie schicke Bürogebäude mit einladenden Dachterrassen. Und auch die Grundrisse rufen Erstaunen hervor: Balkone gibt es nicht, dafür innenliegende Bäder, die, zusammen mit der eigens für das Projekt entworfenen Küchenzeile, in einem sogenannten "Cube-System" wie ein Würfel im Mittelpunkt der Wohnung angeordnet sind. Mit herkömmlichen Wohnungsgrundrissen hat das nicht mehr viel zu tun. Doch die Planer haben sich bei dem Konzept viele Gedanken gemacht und sprechen mit ihren Wohnungen eine Zielgruppe an, bei der Aufenthalte im Bad und auch das Kochen eher Nebensächlichkeiten sind. Entsprechend ist die Küche vor allem ein schickes Designobjekt mit hoher Funktionalität und weniger ein gemütlicher Aufenthaltsort für Hobbyköche.

Die Einsparung von Flächen hat vor allem wirtschaftliche Gründe. Die reduzierte Quadratmeterzahl ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die hohen Kaufpreise in München. Ziel ist es, die Gesamtkaufpreise der Wohnungen zu senken. Allein in München sind nach Angaben des Gutachterausschusses in den vergangenen fünf Jahren die Preise für Wohnraum um mehr als 50 Prozent gestiegen. Trotz niedriger Zinsen wird es für Privatleute daher immer schwieriger, Immobilien zu erwerben, berichtet Roderick Rauert, Geschäftsführer der LBBW Immobilien Capital GmbH. "Friends" soll auf diese auch in anderen wachsenden Großstädten zu beobachten Thematik eine Antwort geben.

Neues zu wagen birgt immer Risiken. Doch um diese so gering wie möglich zu halten, haben sich die Verantwortlichen auch bei der Marktanalyse einiges einfallen lassen. "Wir haben unsere Datenbanken im Hinblick auf Käuferwünsche analysiert und zudem bei unseren Kunden eine qualitative Befragung durchgeführt, wie sie beispielsweise in der Industrie bei der Einführung neuer Produkte gemacht wird", erläutert Jürgen Schorn, Geschäftsführer von Bauwerk Capital. Gerade bei einem so außergewöhnlichen Projekt sei die klare Positionierung der Zielgruppe von entscheidender Bedeutung. Am wichtigsten war den Befragten ein durchdachtes Storage-System. Ebenfalls sehr gefragt war ein sogenannter "Keeper", der auf Wunsch Pakete entgegennimmt, Reinigungsservice oder Reparaturdienste organisiert und im Urlaub die Blumen gießt. Allerdings darf dieser Service nicht zu teuer sein. Daher handelt es sich nur um ein eingeschränktes Leistungspaket, das die Nebenkosten für die Bewohner in vertretbarer Höhe hält.

Schon vor Baubeginn erregt das Projekt "Friends" Aufsehen. Kann es Modellcharakter haben, und ist der Bau von Wohntürmen generell die richtige Antwort auf die angespannte Lage auf dem Münchener Wohnungsmarkt? Hier dürften die Meinungen auseinandergehen, und es kommt nicht von ungefähr, dass derartige Projekte polarisieren. Nach Aussage von Jürgen Schorn reagiert der Markt mit großem Interesse auf das Angebot. Schließlich ist für viele Wohnungssuchende eine urbane Lage neben dem Aspekt der Bezahlbarkeit von entscheidender Bedeutung.

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