DER NEUE FLIRT MIT DER STADT

Mit Van B konzipiert UNStudio ein Projekt, das auf unterschiedliche Art und Weise den Diskurs um die Zukunft der europäischen Stadt widerspiegelt. Im Interview beschreibt Ben van Berkel, Principal Architect bei UNStudio dem langjährigen Chefredakteur des Architekturmagazins Der Baumeister, Alexander Gutzmer warum ihm gerade dieses Projekt so sehr am Herzen liegt und wie es die Stadt München verändern kann.

 

Alexander Gutzmer: Mit Van B baut Ihr gerade ein ziemlich ambitioniertes Projekt, das zudem sehr innovativ ist – vor allem für München. Was ist die Idee dahinter?

Ben van Berkel: Es soll eine Antwort auf die Frage geben, wie wir auf die aktuelle Wohnraumkrise in unseren Metropolen reagieren sollen. Außerdem wird es eine Hauptrolle innerhalb der zeitgenössischen Architektur Münchens spielen. Es stimmt schon, dass das Konzept stark auf den Ort verweist. Sicher ist es so, dass man auf lokale Umstände und Voraussetzungen stark eingehen muss. Außerdem muss man auf die Erwartungen und Vorlieben möglicher Besitzer Rücksicht nehmen können. Diese sind in den letzten Jahren wesentlich vielfältiger geworden. Es gibt heutzutage eine viel größere Bandbreite an Familienkonstellationen als noch vor 20 Jahren. Leute leben auf viele verschiedene Arten und Weisen zusammen. Unsere architektonische Strategie besteht darin, viele verschiedene Möglichkeiten zur Bespielung einer Wohnung vorzuschlagen. Vielleicht will jemand in einer Zwei-Zimmer-Wohnung leben oder in einem Ein-Zimmer-Apartment, auf 40 bis 50 m². Im Grunde kann man diese Räume auf so viele unterschiedliche Arten und Weisen unterteilen, wie es einem gefällt. Dabei kann man jeden Tag neue räumliche Entscheidungen treffen.

G: Das klingt sehr zeitgenössisch, "cutting edge" sozusagen – aber auch nach einer Lösung, die global anwendbar ist. Welche Rolle spielt eigentlich München für das Projekt?

B: Eine sehr wesentliche. Ein Blick auf die Stadt zeigt, dass München zahlreiche Gebäude hat, die sehr weltstädtisch wirken. Gleichzeitig gibt es aber relativ wenige Hochhäuser. Auf gewisse Art und Weise ähneln sich daher München und Amsterdam – eine sehr europäische Stadt mit weltstädtischen Qualitäten, ohne tatsächlich eine Metropole zu sein. In der aktuellen Situation ist Nachverdichtung wichtig. Das Projekt geht auf den attraktiven urbanen Kontext der Umgebung ein. Gleichzeitig demonstriert es auch eine unabhängige Haltung.

G: Wird damit auch eine niederländische Haltung zu Architektur und Städtebau angedeutet?

B: Auf gewisse Weise, ja. Ich glaube schon, dass es eine niederländische Art gibt, Städte nachzuverdichten. Wir scheuen nicht vor der Höhe zurück, selbst wenn wir nicht ständig Hochhäuser bauen. Wir schaffen Gebäude, die einen hohen Grad an innerer Heterogenität aufweisen. Einen solchen Denkansatz architektonisch umzusetzen – dafür sind dieses Projekt und dieser Maßstab perfekt geeignet.

G: Lass uns über die Zielgruppe von Van B sprechen. Wer wird in Zukunft dort wohnen?

B: Die Zielgruppe ist unglaublich divers. Vielleicht sogar mehr, als man es sich im Moment vorstellen kann. Das Projekt zielt klar auf die Generation Z ab. Diese Zielgruppe ist ganz deutlich an einer neuen Form des Wohnens, einem smarten Umgang mit Fläche interessiert. Sogar unter Senioren gibt es eine starke Nachfrage. Selbstverständlich auch unter Leuten, die alleine leben. Das sind bis zu 45 Prozent der Stadtbewohner. Darunter sind Leute, die eine inklusivere Form des Zusammenlebens suchen, die in einer Gemeinschaft leben wollen.

G: Und ich dachte, dass die Digitalisierung, moderne Technologien im Moment die besten Antworten auf alle Fragen des Zusammenlebens, der Gemeinschaft parat haben?

B: Davon bin ich nicht ganz überzeugt. Sicherlich kennen sich die Leute, die in unseren Gebäuden wohnen, allgemein ganz gut mit Technik aus und sind digital vernetzt. Es gibt aber einen Bedarf an Digital-Detox. Das ist das, was der physische Aspekt einer Gemeinschaft leisten kann. Leute unterstützen und helfen einander. Das können wir gerade jetzt, während der Corona-Krise beobachten.

G: Eine andere Eigenschaft der niederländischen Architektur ist die herausragende Bedeutung sozialer Offenheit.

B: Das ist wahr. Wir Niederländer mögen es tatsächlich gern, wenn die Nachbarn einen Blick in unsere Häuser und Wohnungen werfen. Wir sind sehr gemeinschaftsorientiert. Die Deutschen erscheinen dagegen eher privat oder zurückgezogen. Eigentlich versteht niemand so richtig, wie wir Niederländer überhaupt so sein können, wie wir sind. Für uns ist die Straße ein Teil des Wohnzimmers.

G: Manche Menschen mögen es allerdings ein wenig privater. Mir kam dazu ein Gedanke. Du hast mir geschildert, dass bei Van B die Flexibilität im Vordergrund steht. Vielleicht hat der Spruch "my home is my castle" einfach keine Gültigkeit mehr. Vielleicht können wir einfach überall dort wohnen, wo wir wollen. Ist dieser Gedanke jedoch wirklich realistisch? Anders gesagt, hat die Corona-Krise uns gezeigt, dass unserem Zuhause wieder eine neue, größere Bedeutung zukommt?

B: Das ist eine wirklich gute Frage. Ich stimme Dir zu, dass die augenblickliche Corona-Krise dazu geführt hat, dass wir unsere Wohnvorstellungen wieder auf den Prüfstand legen. Das heißt jedoch nicht, dass Flexibilität weniger wichtig wäre. Ganz im Gegenteil. Es zeigt sich nach wie vor, dass wir flexible Entwürfe brauchen, die an unterschiedliche Bedürfnisse angepasst werden können, über den Tag hinweg oder die Woche hindurch. Nehmen wir als Beispiel Leute, die daheim arbeiten. Wenn diese nicht alleine leben, ist Flexibilität wichtig, um im Laufe des Tages auf die Dynamiken aller Beteiligten, insbesondere der Familie eingehen zu können.

G: Das klingt fast so, als wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, Architekt zu sein?

B: Genau so ist es. Wir Architekten können unmittelbar darauf Einfluss nehmen, wie Menschen zusammenleben. Vielleicht sogar mehr als je zuvor. Der einfache Grund dafür ist, dass wir nun mehr über die Gesellschaft wissen, als es bisher der Fall war. Die Digitalisierung spielt hierbei eine Schlüsselrolle.

G: Was mir bei UNStudio gefällt ist – ähnlich wie bei anderen niederländischen Architekturbüros wie etwa OMA oder MVRDV – dass Euch Wissen und die Zusammenarbeit mit Universitäten äußerst wichtig sind. Ihr habt eigene interne Think Tanks – UNS Innovation | Products oder UNS Futures. Was macht Ihr da genau?

B: Das sind unsere hauseigenen Plattformen für Information und Forschung. Wir haben begriffen, dass diese Plattformen uns sehr viel bieten können, im Sinne eines unabhängigen und strategischen Wissensmanagements und im Rahmen einer Diskussion um gesellschaftliche Zukunftsfragen: Wohin führt uns die Mobilität? Wie sieht die Zukunft des Wohnens aus? Mit welchen Spezialisten sollen sich Architekten mehr denn je austauschen, um gemeinsame Ideen zu entwickeln? Wenn man solche Gespräche führt, schärft es die Konturen der eigenen Projekte. Architekten müssen sich heutzutage mit neuen Technologien genauso auseinandersetzen wie mit sozialen Themen. Man darf die Herausforderungen des Klimawandels, des sozialen Miteinanders oder des intelligenten Wohnens nicht ignorieren. Unsere Klienten, dazu gehören auch die Immobilienentwickler Bauwerk, erwarten in dieser Hinsicht mehr von uns als je zuvor. Das ist auch richtig so.

G: Das klingt so, als wären Bauwerk und UNStudio eine perfekte Kombination?

B: Ohne Zweifel. Bauwerk sind als Bauherren sehr progressiv, schauen nach vorne. Sie hinterfragen bestehende Konventionen und haben ein besonderes Interesse an der Architektur. Was mir besonders gut an ihnen gefällt, ist folgendes: Ganz früh im Projekt bringen sie alle Beteiligten an einen Tisch, auch die Marketingabteilung. Damit schaffen sie eine Situation, in der alle voneinander lernen können.

G: Ben, wir sprechen ja nicht zum ersten Mal miteinander. 2011 haben wir ein Interview mit Dir für den Baumeister gemacht. Damals hast Du voller Überzeugung davon gesprochen, dass Architekten unbedingt mit den Städten, in denen sie bauen, flirten sollen. Mir hat diese Vorstellung sehr gut gefallen, da sie das Sinnliche der Architektur hervorhebt. Heutzutage scheinen sich Architekten eher über rationale, wissenschaftliche Themen Gedanken zu machen, wie etwa den Klimawandel. Hat es sich ausgeflirtet?

B: Überhaupt nicht, im Gegenteil. Wir sollten weiterhin mit der Stadt flirten. Wir sollten das als eine Art Zusammenarbeit betrachten. Was sich tatsächlich verändert hat, ist das Ziel des Flirtens. Unsere Aufgabe besteht nunmehr darin, Städten dabei zu helfen, sich neu aufzustellen, um Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Jeder spricht heute über die Smart City, ohne zu wissen, was das wirklich bedeutet. Wir können ohne Zweifel eine smarte Stadt erschaffen, in der die Lebensqualität der Menschen verbessert wird. Jedoch müssen wir dabei jenseits der Ästhetik oder der Effizienz auch über eine humanere Stadt sprechen.

 

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Übersetzung: Mark Kammerbauer

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